Zur Verantwortung von Individuen für gesellschaftlichen Veränderungen

Der Beitrag jedes einzelnen Menschen ist wichtig für ein soziales und nachthaltiges Zusammenleben. Der Streitpunkt ist der Weg, wie dieser Beitrag erreicht wird – individuell oder kollektiv. Gibt es so etwas wie eine individuelle Verantwortung für gesellschaftliche und soziale Veränderungen oder ist eine Veränderung nur im kollektiven Rahmen zu meistern?

Als großer Rahmen sind zunächst die legalen Möglichkeiten des Individuums zu betrachten. Ich darf mich, unabhängig von moralischen Standpunkten, in diesen Grenzen bewegen. Dabei bin ich nicht an eine ethische Konstante gebunden, sondern meine Handlungen sind klar rechtliche begrenzt. Natürlich ist das Recht keine feste Masse, sondern amorph und verändert sich immerwährend. Diese Weiterentwicklungen und Anpassungen sind richtig und wichtig. Bei der Frage der Verantwortung müssen die Handlungsbedingungen des Individuums immer auf den kleinsten gemeinsamen Faktor heruntergebrochen werden. Da sich die ökonomischen Verhältnisse der einzelnen Menschen sich stark unterscheiden und folglich ausgeblendet werden müssen, konstituiert der rechtliche Rahmen die Handlungsmöglichkeiten. Ad actus eiusdem.

Es ist nicht von den Menschen zu erwarten, dass sie etwas tun sollen, wozu sie nicht verpflichtet sind. Es kann aber erwartet werden, dass sie jenes tun, was ihnen durch den legalen Rahmen vorgeschrieben ist. Es ist die individuelle Verantwortung sich an die Gesetze zu halten und ihre Pflichten zu erfüllen, darüber hinaus müssen sie nichts tun. Es gibt keine individuelle Pflicht eigenständig für Verbesserungen zu sorgen, es gibt nur eine kollektive Verantwortung für eben diese zu sorgen. Dabei geht es nicht darum Verbote für das Individuum auszusprechen, sondern dem Menschen solidarische Pflichten aufzuerlegen. Nur in einem kollektiven Verbund besteht die Pflicht für die Veränderung zu sorgen.

Zur Veranschaulichung ein Beispiel: gerade in der Weihnachtszeit betteln viele Obdachlose in Fußgängerzonen um Geld. Viele Menschen geben ihnen kein Geld, sind aber grundsätzlich mit der Idee einverstanden obdachlosen Menschen zu helfen. Eine Vorschrift, dass nun an jeden Obdachlosen Geld zu spenden sei, ist unsinnig. Es wäre viel sinnvoller jeden in die Pflicht zu nehmen, obdachlosen Menschen zu helfen. Unabhängig von den eigenen finanziellen Umständen ist jeder Mensch in der Lage Zeit zu spenden. Wenn jeder und jede eine Stunde im Monat in der Obdachlosenhilfe hilft, sollte das im Bereich des Möglichen liegen. Diese Variante würde eine gesellschaftliche Veränderung durch kollektiven Einsatz bedeuten, größer als der moralische Druck auf das Individuum.

Entscheidend ist das jeder Mensch auf der gleichen Basis in dieses System miteinbezogen werden sollte. Zeit ist dabei der Faktor, der alle eint. Jedem und jeder stehen dieselben 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Einige werden diesen Vorschlag sicherlich als einen, wie ich finde vermeintlichen, Einschnitt in die persönliche Freiheit werten. Andererseits leben wir auch in einem freien und sozialen Bundesstaat. Steuern stellen ebenfalls ein Einschnitt in die persönliche Freiheit dar und sind genauso wichtig für die Gesellschaft. Wichtig für eine ausgeglichene Solidarität ist, dass jeder Mensch seine Pflicht auch ausführt und dieser nicht durch einen finanziellen Ausgleich entgehen kann.

Genauso halte ich auch die Einführung eines verpflichtenden Zivildienstes nach dem Schulabschluss oder mit 18 Jahren für eine sinnvolle Idee, umso seinen Beitrag zur gesellschaftlichen Solidarität zu leisten. Natürlich könnte argumentieren werden, dass es jedem und jeder freisteht sowieso ein freiwilliges soziales Jahr oder ähnliches zu absolvieren, allerdings besteht, meiner Meinung nach, kein individueller Zwang dazu. Nur im Kollektiv wird jeder an der gesellschaftlichen Veränderung teilhaben und die zu erbringende Leistung kann geteilt werden. Letztlich kommt ein sozialerer Staat allen Menschen zu gute. Bei einer solchen Idee kommt der Staatsgewalt natürlich die umso größere Verantwortung zu, dem Menschen Rechte und Pflichten aufzuerlegen, welche einen positiven sozialen Wandel bedingen und zu mehr Solidarität untereinander führen.

Die kollektive Verantwortung steht vor der individuellen Verantwortung. Für das Individuum ist es die einzige Verantwortung sich an den rechtlichen Rahmen zu halten und seine Pflichten zu erbringen. Natürlich kann sich jeder darüber hinaus sozial engagieren, allerdings kann ein solcher Einsatz nicht erwartet werden, wenn er nicht zu der staatsbürgerlichen Pflicht gehört.

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