Der moralische Freifahrtsschein

Neulich, im Gespräch mit Freundinnen, passierte mir folgende Situation: das Gespräch drehte sich um Auftritte von Musikerinnen bei Veranstaltungen, und es wurde angemerkt, dass ein Musiker bei einer Veranstaltung der SPD für einen achtminütigen Auftritt ein Honorar von 500 Euro erhalten hat. Schockierend für die Beteiligten des Gespräches war nicht das Honorar von 500 Euro. Dies hängt von der Größe der Veranstaltung ab und der Begriff „Dezemberfieber“ spielt hier auch keine unwichtige Rolle.

Die Beteiligten des Gespräches haben sich eher über die Art der Übergabe des Geldes echauffiert: bar auf die Hand. Dies wurde eindeutig als Versuch keine Steuern zu zahlen gewertet. Gerade von einer Partei, wie der SPD, die sich dafür einsetzt Steuern zu zahlen, wird erwartet dies auch selber zu tun. Ich möchte nun nicht auf den Vorwurf der Steuerhinterziehung eingehen, sondern mich zu den Erwartungen an die SPD äußern. Ich habe das Gefühl, dass Gemeinschaften (wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Art), welche sich für soziale Verbesserung einsetzen, immer unter der Lupe betrachtet werden, ob sie selbst auch an diesen Verbesserungen teilhaben. Das ist prinzipiell kein falsches Verhalten, allerdings entsteht dadurch leicht der Eindruck, dass ein einzelnes Vergehen gegen die angestrebte Veränderung (Policy) die gesamte Gemeinschaft und auch die Policy diskreditiert. Dabei haben alle anderen Gemeinschaften (insbesondere die wirtschaftlichen) einen moralischen Freifahrtsschein und müssen sich nicht an der Veränderung beteiligen, sondern können durch ihr Verhalten sogar aktiv dagegenwirken. Dabei ist die Wahrheit doch, dass sich große Veränderungen nur durch gesamtgesellschaftliche Anstrengungen durchführen lassen. Dabei ist es wichtig, dass gerade einflussreiche Gruppen teilnehmen, und nicht nur die sich für die Veränderung einsetzen. Oftmals richten sich viele Veränderungen gegen den Einfluss mächtiger Kräfte, die sich aus eigennützigen Gründen gegen moralisch richtige Ideen stellen, und somit ihre eigenen Beiträge zu gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten reproduzieren.

Werden wir konkreter: Im Falle der SPD, welche sich für mehr Steuern einsetzt, ist es wichtig, die gesellschaftliche Landkarte zu betrachten. Die SPD als Organisation stellt fiskal einen zu vernachlässigbaren Beitrag dar, während große Wirtschaftsunternehmen wie Amazon keine Steuern zahlen. Ähnlcihes ist auch bei der Klimabewegung zu beobachten. Klimaveränderungen sind sehr real und das etwas getan werden muss, ist auch nicht von der Hand zu weisen. Gerade bei Greta Thunberg wird aber mit der Lupe beobachtet, wie klimafreundlich sie lebt. Die CO2-Aufwendungen ihrer Atlantik-Reise werden mit dem einer Flugzeugreise verglichen, und es wurde zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Flugreise klimaneutraler gewesen wäre. Das ist aber völlig egal. Die Menge des produzierten CO2 der Reise ändert nichts an der Notwendigkeit etwas zu tun. Außerdem hat Greta Thunberg mit ihrer Segelreise ein Zeichen gesetzt. Kein Zeichen gesetzt haben hingegen die deutschen Bundesministerinnen, deren Dienstwagen im Vergleich zu den Vorjahren einen größeren CO2-Ausschuss haben.

Ich denke es würde uns allen guttun, unseren Blick lieber auf die Verursacherinnen der Probleme zu richten, als mit einer Lupe die Fehler derjenigen zu zerpflücken, die sich für die Veränderung zum besseren einsetzen. Denn die stehen setzen sich immerhin für Verbesserungen ein. Alles andere wäre eine Belohnung für moralisch verkommener Menschen und ihre Ungerechtigkeiten.

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