Der „ethische“ Westen

Das eurozentrisch ausgerichtete Feld der Internationalen Beziehungen benutzt die dichotome geografische Kategorie des Westens und der anderen Staaten entlang der Nord-Süd-Achse und reproduziert somit die epistemologische Unterdrückung nicht-westlicher Schulen und Autorinnen. Durch die Zweiteilung der Welt in die „westliche“ Gruppe und den „Rest“ wird der Teil der Welt, welcher den „Rest“ darstellt in eine einzige Gruppe zusammengefasst und homogenisiert. Der Westen hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem „Rest“ zu einer Entwicklung zu verhelfen. Der positiv besetzte Begriff der Entwicklung wird durch westliche Akteure mit Fortschritt und Modernität assoziiert, und letztendlich und am wichtigsten mit dem Westen. Der Westen gilt als die Wiege der Moderne und des Fortschrittes. Wenn nun westliche Staaten, die als fortschrittlich gelten, von dem „Rest“ differenziert werden, impliziert diese Differenzierung ein unfortschrittliches Verhalten und somit eine Unterentwicklung. Letztlich ist diese Differenzierung nur eine Weiterführung des kolonialen Stereotyps, dass die kolonisierten Völker unzivilisiert sind und erst durch die Kolonisation zivilisiert worden sind. Auf Grund einer solchen Argumentation werden die eigenständigen Entwicklungsvorgänge nicht-westlicher Akteurinnen verkannt. Durch die positive Konnotation der westlich herbeigeführten Entwicklung sind westliche Akteurinnen in der Lage ihre Position und ihre Handlungen als selbstlos zu legitimieren. Dies versteckt den wahren Kern ihrer Handlungen und ihrer Motive. Der Westen ist erfolgreich als „ethisch korrekter“ Akteurin bestätigt, obwohl westliche Akteurinnen militärisch dominant und verantwortlich sind, und die Kolonisation ein äußerst destruktives Unterfangen war.

Die ethische Kategorie ist äußerst flexibel. Führen westliche Akteurinnen allerdings Handlungen aus, die nicht mit der ethischen Kategorie vereinbar sind, gelten diese nicht mehr als westlicher Akteurinnen. Man mag einmal an den Holocaust denken. Das deutsche Reich hat einen beispiellosen Massenmord durchgeführt, der außerhalb jeglicher Kategorien steht. In den Augen der Alliierten galt Deutschland nun allerdings nicht mehr als westlicher Staat, sondern „im Herzen“ als nicht-westlich. Diese flexible Kategorisierung ist äußerst perfide, da die westlichen Akteurinnen nicht nur die Zusammensetzung von „ethisch korrekten“ Staaten anpassen, um ihr Narrativ zu unterstützen, sondern auch die menschenverachtenden Massenmörder des Holocausts mit den unterdrückten kolonisierten Gruppen auf eine Ebene stellen. Dadurch werden die kolonisierten Gruppen zusätzlich durch den Vorwurf der fehlenden Zivilisation delegitimiert.

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